Auslandssemester in Südtirol: Warum sich der Sprung ins Ungewisse lohnt
- Auslandslots*innen

- 5. Juni
- 3 Min. Lesezeit
05.06.2026- von Sina
Ein Auslandssemester klingt für viele nach Abenteuer, Freiheit und neuen Erfahrungen und genau das ist es auch. Aber man unterschätzt oft, dass es schon lange vor der eigentlichen Abreise beginnt. Bei mir war es vor allem die Wohnungssuche, die mich ziemlich ins

Schwitzen gebracht hat. Schon früh wurde uns gesagt, dass die Plätze im Studentenwohnheim extrem begrenzt sind. Die Vergabe startete allerdings erst relativ spät, was mich ziemlich nervös gemacht hat. Was, wenn ich keinen Platz bekomme? Und dann auch nichts anderes mehr finde? Trotzdem wollte ich es unbedingt versuchen. Denn das Wohnheim war schließlich die günstigste Option und klang nach der perfekten Möglichkeit, schnell Anschluss zu finden. Vielleicht habe ich das Ganze auch ein bisschen zu sehr durch die rosa-rote Brille gesehen, denn auch Wohnheime haben Nachteile.
Dann kam der Moment und die Anmeldung wurde geöffnet, ich war in unter 20 Sekunden fertig und habe trotzdem keinen Platz bekommen. First come, first served. In dem Moment war die Enttäuschung groß. Ehrlich gesagt habe ich meinen gesamten Finanzierungsplan schon bröckeln sehen. Zum Glück stellte die Uni in Bozen ein eigenes Wohnungsportal zur Verfügung. Und genau dort bin ich auf eine Anzeige gestoßen, die mein Auslandssemester komplett verändert hat.
Eine 3er-WG, allerdings eine besondere, Zusammenleben mit Michi, einem jungen Mann mit Trisomie 21. Der Deal war ungewöhnlich, keine Miete, nur Nebenkosten, dafür gemeinsam abends kochen und Zeit miteinander verbringen. Ich war mir unsicher. Funktioniert das? Passt das für mich? Nach einem Videoanruf mit Michi und seinen Eltern war ich deutlich entspannter. Wir haben uns direkt gut verstanden. Ganz verschwunden waren meine Zweifel zwar nicht, aber ich hatte bereits Erfahrungen im Umgang mit Menschen mit Beeinträchtigung und habe mich darauf eingelassen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es eine meiner besten Entscheidungen meines gesamten Auslandssemesters war. Ich habe nicht nur unglaublich viel über mich selbst gelernt, sondern auch über Inklusion, Alltag und zwischenmenschliche Beziehungen. Michi ist übrigens Schauspieler und ich durfte mir während meines Aufenthalts sogar eine seiner Vorstellungen ansehen. Diese Zeit hat mich auf eine Art geprägt, die ich so nie erwartet hätte. Was mich außerdem beeindruckt hat, Inklusion ist dort keine Besonderheit, sondern selbstverständlich. Und genau das macht einen Unterschied.
Mein Tipp an alle, die ins Ausland gehen wollen, seid offen für ungewöhnliche Wege.
Die „perfekte“ Lösung sieht nicht immer so aus, wie man sie sich vorher ausmalt.
Ein weiterer Punkt, den ich vorher unterschätzt habe, ist der Studienort selbst. Ich habe nämlich nicht in Bozen studiert, sondern in Brixen. Deshalb lohnt es sich wirklich, bei der

Wohnungssuche genau hinzuschauen. Ich habe in Klausen gewohnt super angebunden, nur 7 Minuten mit dem Zug nach Brixen und etwa 20 Minuten nach Bozen. Im Vergleich dazu hätte ich vom Wohnheim in Bozen deutlich länger zur Uni gebraucht.
Und dann war da natürlich all das, was ein Auslandssemester wirklich besonders macht. Wandern in einer Landschaft, die einem ständig das Gefühl gibt, im Urlaub zu sein und das ganz spontan nach einem Uni-Tag. Ich wurde oft von meinen Liebsten zu Hause gefragt, ob ich schon wieder verreist sei. Dabei war es manchmal einfach nur ein Spaziergang direkt vor der Haustür.
Auch die Uni selbst hat mich positiv überrascht. Ich konnte Kurse belegen, die es so bei uns gar nicht gibt, mit engagierten Dozenten. Natürlich war nicht jeder Kurs ein Highlight, aber die meisten haben sich definitiv gelohnt.
Zu Beginn des Semesters und gegen Ende meiner Zeit in Südtirol habe ich außerdem viele Kurztrips unternommen, sowohl in die nähere Umgebung zum Wandern als auch in etwas weiter entfernte Städte wie Verona, Venedig oder sogar Rom. Dank der guten Zugverbindungen war das alles super unkompliziert und oft auch kostengünstig und vor allem voller neuer Eindrücke.
Ein fester Bestandteil dieser Ausflüge, war Gelato. Ich habe mich quer durch verschiedene Orte und Sorten probiert und ehrlich gesagt, es wurde nie langweilig. Besonders beeindruckt haben mich auch die Traditionen und Feste vor Ort, wie Krampusläufe, Weihnachtsmärkte und Fasching. Gerade der Krampuslauf war ein Erlebnis für sich. Kostümierte Gestalten mit

furchteinflößenden Masken, Kuhglocken und Besenstielen, die auf einen zu rennen und laut brüllen, da blieb der ein oder andere „Schreckmoment“ definitiv nicht aus. Ein persönliches Highlight war die Einladung zum Essen bei der italienischen Mama einer Freundin. Besser konnte ich die Küche und Gastfreundschaft kaum kennenlernen. Auch die Ausflüge mit meinen Kommilitoninnen bleiben mir in guter Erinnerung. Dabei habe ich nicht nur neue Orte entdeckt, sondern auch den Südtiroler Dialekt kennengelernt („heuer“ für dieses Jahr oder „Jause“ für Brotzeit). Wobei ich zugeben muss, wenn der Dialekt richtig ausgepackt wurde, vor allem in WhatsApp-Gruppen, habe ich irgendwann nichts mehr verstanden. Aber genau das hat es irgendwie auch besonders und oft ziemlich lustig gemacht. Und sogar die Paralympics durfte ich vor Ort miterleben, ein Erlebnis, das mich nachhaltig beeindruckt hat.
Wenn du darüber nachdenkst, ein Auslandssemester zu machen, dann mach es. Auch wenn nicht alles perfekt läuft. Gerade die unerwarteten Wege sind oft die, die dich am meisten wachsen lassen.




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