Fomo während des Auslandssemesters
- Auslandslots*innen

- vor 5 Tagen
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06.03.2026 - von Julia Prall

Wie ich denke, habe – wie wahrscheinlich die meisten – auch ich voller Vorfreude und Spannung meinem Auslandssemester entgegengefiebert. Schon Monate vorher habe ich mir vorgestellt, wie es wohl sein würde, in einem anderen Land zu leben, neue Menschen kennenzulernen und eine ganz andere Kultur zu entdecken. Gleichzeitig muss ich ehrlich sagen:Bestimmte Erwartungen hatte ich eigentlich keine. Ich konnte mir gar nicht richtig vorstellen, wie mein Alltag dort aussehen würde. Ich wusste nur eine Sache ganz sicher: Es wird auf jeden Fall gut. Dass ich während dieser Zeit jedoch FOMO verspüren könnte, kam mir am Anfang überhaupt nicht in den Sinn.
Vielleicht fragt man sich jetzt, welche Art von FOMO ich meine. Viele denken bei FOMO – also „Fear of Missing Out“ – zuerst an die Angst, zu Hause etwas zu verpassen: Geburtstage von Freunden, Familienfeiern oder einfach das normale Leben in der Heimat. Doch genau das meine ich nicht. Bei mir war es eine ganz andere Form von FOMO. Es war vielmehr der ständige Druck, meine Zeit im Ausland nicht intensiv genug zu nutzen. Die Angst, nicht alles mitzunehmen, nicht bei jedem Event dabei zu sein, nicht jede Reise gemacht zu haben.
Ich glaube, die meisten, die schon einmal ein Auslandssemester gemacht haben, kennen dieses typische Gefühl. Ich habe auch mit anderen oft darüber gesprochen, und viele haben ähnlich empfunden. Man lebt in dieser Zeit irgendwie nicht ganz in der „normalen“ Realität. Das Leben während des Auslandssemesters ist eine Art Ausnahmezustand. Es ist ein Lifestyle, den man sich auf Dauer eher nicht leben kann – und vielleicht auch gar nicht möchte. Aber für diese paar Monate fühlt es sich normal an.
Man ist plötzlich in einem komplett neuen Umfeld. Alles ist spannend: die Stadt, die Sprache, die Universität, die Menschen. Natürlich möchte man so viel wie möglich erkunden. Und man ist nicht allein mit diesem Gefühl. Am gleichen Ort sind hunderte andere internationale Studierende, die genau dasselbe wollen: neue Erfahrungen sammeln, reisen, feiern, Kontakte knüpfen. Dadurch entsteht eine ganz besondere Dynamik. Man ist viel mehr unterwegs als im normalen Semester zu Hause. Ich hatte teilweise das Gefühl, ständig unterwegs zu sein.
Gerade am Anfang steht das Kennenlernen im Vordergrund. Man möchte offen sein, neue Freundschaften schließen und Teil der Gruppe werden. Es gibt Einführungsveranstaltungen, Erasmus-Events, Partys, gemeinsame Ausflüge, Städtetrips und spontane Treffen. Man sagt selten Nein, weil man Angst hat, genau an diesem einen Abend etwas Besonderes zu verpassen. Viele reisen so viel wie möglich, gehen öfter aus, feiern mehr als sonst. Manche trinken auch mehr Alkohol als normalerweise. Der Schlafrhythmus? Oft eine Katastrophe. Unter der Woche feiern und am nächsten Morgen in die Vorlesung – das gehört für viele plötzlich dazu.
Natürlich ist das kein Muss und auch nicht bei jedem so. Jeder erlebt sein Auslandssemester anders. Aber ich hatte schon den Eindruck, dass viele in dieser „Erasmus-Bubble“ sind. Besonders am Anfang, wenn sich Freundschaften noch bilden, möchte man wirklich nichts verpassen. Wenn man einmal nicht mitkommt, hat man direkt das Gefühl, am nächsten Tag etwas nicht zu verstehen oder nicht mitreden zu können.
Genau daraus entsteht diese spezielle Form von FOMO. Nicht die Angst, etwas zu Hause zu verpassen – sondern die Angst, im Hier und Jetzt nicht genug mitzunehmen. Wenn man mal einen Abend für sich braucht, fühlt man sich fast schuldig. Wenn man nicht mit auf einen Trip fährt, denkt man: „Das war vielleicht die einzige Chance.“ Dabei vergisst man leicht, dass man auch Pausen braucht.
Am Ende ist ein Semester nämlich gar nicht so lang, wie es am Anfang scheint. Die Zeit vergeht unglaublich schnell – vor allem, wenn man so viel unternimmt. Wochen fühlen sich an wie Tage. Plötzlich ist die Hälfte vorbei, und man fragt sich, wo die Zeit geblieben ist. Genau dieses Gefühl verstärkt den Druck noch mehr: Man möchte so viel erleben wie möglich, bevor alles vorbei ist.
Rückblickend würde ich sagen, dass FOMO im Auslandssemester fast schon Teil des Erlebnisses ist. Aber ich habe auch gelernt, dass man nicht überall dabei sein muss, um eine unvergessliche Zeit zu haben. Manchmal sind es gerade die ruhigeren Momente, die einem am meisten im Gedächtnis bleiben: ein spontanes Gespräch in der Küche, ein Spaziergang durch die Stadt oder ein Abend mit nur wenigen engen Freunden.
Ein Auslandssemester ist intensiv, aufregend und voller Möglichkeiten. Aber es ist auch wichtig, sich selbst nicht zu verlieren und auf die eigenen Bedürfnisse zu hören. Denn am Ende geht es nicht darum, alles erlebt zu haben – sondern darum, die Momente bewusst zu genießen, die man erlebt.



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